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Die Judenverfolgunfg im Dritten Reich (1941-1942) - -


I. Einleitung
       II. Im Allgemeinen.
    III.  Polen unterm Hakenkreuz.
    IV.   Exekutionen im Osten.
    V.    Die Aussiedlung (1942).
    VI.   Deportationen im Westen.
    VII.  Auschwitz.
    VIII. Deutschland wird judenrein.
    IX.   Literaturverzeichnis.


    I. Einleitung.

    Die Naziordnung lie nach sich die Spuren der Verbrechen, die zu jener
Zeit nicht alle fr Verbrechen hielten.
    Unter Untaten und Verbrechen belegt die Judenverfolgung einen mehr als
bedeutenden Platz.
    In dieser Arbeit wird dieses Thema behandelt.
    Es besteht ein Risiko, sich bei der Systematisierung von  nazistischen
Untaten von dem zu behandelnden Thema zu distanzieren. Deshalb lassen  wir
uns alle Verallgemeinerungen entgehen. Wir konzentrieren uns auf Zeugnisse
von  unberhmten,  aber  bestimmten  Personen,  die   den   unmenschlichen
Experimenten zum Opfer fielen.
    Man kann uns  beschuldigen,  dass  die  Zeugnisse  einen  zu  privaten
Charakter  haben.  Wir   sehen   diese   Beschuldigungen   voraus.   Unser
Kontrargument ist, dass aus solchen unberhmten  Zeugen  die  Armee  von
Opfern besteht, die sowieso berhmt ist.
    Das muss nicht beweisen werden.  Weil  die  Beweise  bis  jetzt  nicht
ausgerottet werden knnen, obgleich es die Leute gibt, die darauf  Augen
zuzudrcken versuchen.
    Es lohnt sich den ganzen Umfang der Verwirklichung  von  der  Politik,
die auf der Rassentheorie basierte,  an  Beispielen  von  ihren  stlichen
(Riga, Warschau,  Breslau)  und  westlichen  (Amsterdam,  Auschwitz  usw.)
Richtungen bei der Losung judischer Frage zu zeigen. Wir beschrnken uns
auf den Zeitabschnitt 1941 - 1942. Als  Epigraph  zur  Beschreibung  einer
jeden Aktion wird die Rede von Nazisleaders angefhrt. Dadurch  wird  ihre
Politik ohne weiteren Kommentar illustriert.
    Hoffentlich wird  diese  Arbeit  ein  Beitrag  zur  Ermahnung  an  die
Ereignisse, die nie vergessen sein mssen.
    II. Im Allgemeeinen.
                                                Merke, es gibt Untaten, ber
                                       welche kein Gras wchst.
                                                                 J. P. Hebel

    Der 9. November 1938 wird in der deutschen Geschichte  fr  immer  ein
Datum der Schande bleiben. In der sogenannten Reichskristallnacht wurden
in   ganz   Deutschland   die   Schaufenster   der   judischen   Geschfte
eingeschlagen, die Synagogen angezndet und Zehntausende jdischer  Brger
in die Konzentrationslager verschleppt. Dieser zentral gelenkte Pogrom war
nur das Vorspiel  zum  staatlich  organisierten,  industriell  betriebenen
Massenmord an  den  Juden  in  Deutschland  und  allen  besetzten  Lndern
Europas.
    Schon whrend des zweiten Weltkrieges, als die Kamine  von  Ausschwitz
noch Tag und Nacht rauchten, verfassten jdische Augenzeugen Berichte ber
das Martyrium ihres Volkes und das  Wten  der  Mrder.  Im  Versteck,  in
Ghetto und Lagern, vor den Augen des Feindes, unter Lebensgefahr  und  oft
noch im Angesicht des Todes schrieben die Verfolgten ihre Erlebnisse  auf.
Viele versteckten ihre Tagebcher und vergruben  ihre  Notizen,  weil  sie
hofften, jemand knnte eines Tages ihre Aufzeichnungen finden,  falls  sie
selbst nicht am Leben blieben.
    Es entstand eine neue Literatur, geboren aus dem drngenden Bedrfnis,
den Mitmenschen kundzutun,  was  man  erlebt  und  gesehen  hatte.  Dieses
Bewusstsein  der  missionarischen   Verpflichtung,   eine   Nachricht   zu
berbringen, das heute manchen fremd anmuten mag,  war  damals  aufrichtig
und allgemein. Selbst die Sterbenden baten die Jngeren, die noch Kraft zu
einem  Fluchtversuch  hatten,  die  Botschaft   von   ihrem   Leiden   mit
hinauszunehmen in die Welt. Es ist  keine  nachtrgliche  Pose,  wenn  die
berlebenden schreiben, dass nur dieser Gedanke sie aufrecht  hielt,  denn
nach dem Verlust ihrer Familie war ihnen der Tod oft  vertrauter  als  das
scheinbar sinnlos gewordene Leben. Die Hlle, der  sie  ausgesetzt  waren,
schien so wahnwitzig,  dass  sie  berzeugt  waren,  die  Welt  wrde  ihr
Fortbestehen nicht einen Tag lnger dulden,  wenn  sie  nur  die  Wahrheit
erfhre - ja, diese Welt selbst knnte so nicht  bestehenbleiben,  in  der
dies mglich geworden war.
    Die meisten Zeugnisse sind mit ihren Schreiben verschollen.  Hier  und
da fand man spter  hinter  einer  Mauer  oder  auf  einem  Dachboden  ein
verstaubtes Heft, letztes Lebenszeichen eines Menschen,  dessen  Spur  ins
Nichts fhre. Einige Berichte wurden whrend des Krieges von  Flchtlingen
ins neutrale  Ausland  gebracht  oder  unter  dem  frischen  Eindruck  der
Erlebnisse in der Freiheit niedergeschrieben.
    Jeder berlebende glaubte etwas ganz Einmaliges und Wichtiges erzhlen
zu mssen. Er verstand sich als  zuflligen,  vielleicht  einzigen  Zeugen
einer menschenvernichtenden Katastrophe. Damals waren die wenigen, die aus
Auschwitz oder dem  brennenden  Warschauer  Ghetto  entkamen,  tatschlich
Sendboten aus einer Unterwelt, von der  man  noch  auf  keine  andere  Art
verlssliche Nachricht empfangen hatte.
    Auf Himmlers Befehl  wurden  zwar  vor  Kriegsende  noch  die  meisten
Unterlagen seines Amtes  vernichtet,  aber  schon  die  zufllig  erhalten
gebliebenen  Dokumente  ergeben  ein  erdrckendes   Beweismaterial.   Die
Tatsachen sind heute allgemein bekannt oder knnten es zumindest sein,  da
inzwischen gengend dieser Akten verffentlicht wurden.
    Die Judenverfolgung, die sich bis zum staatlich organisierten  Genozid
steigerte,  ist  das  nach  umfang  und  Systematik  sicher   furchtbarste
Verbrechen der Nazis, die auch Millionen Angehriger der slawischen Vlker
ermordeten.  Die  Juden  waren  die   ersten   Opfer   eines   umfassenden
Ausrottungsprogramms zur rassischen Neuordnung Europas,  das  von  eimen
siegreichen Hitlerdeutschland  verwirklicht  worden  wre.  Ihr  Schicksal
beweist,   in   welchen   Abgrund   des   Verbrechens   die    nazistische
Raubtierphilosophie fhre. An diesem Beispiel  zeigt  sich  die  Krankheit
einer ganzen Epoche. Nicht eine judische, eine deutsche Angelegenheit wird
hier verhandelt.
    Mit Hitlers Machtantritt war das Ende der  Demokratie  in  Deutschland
gekommen.  Die  erste  Terrorwelle  richtete  sich  gegen   die   deutsche
Arbeiterbewegung, in der die Nazis zu Recht ihren  entschiedensten  Gegner
erkannten. Die Stimme der Vernunft und der Humanitt musste gewaltsam  zum
Schweigen gebracht werden, bevor die neuen Machthaber ihre  Plne  in  die
Tat umsetzen konnten. Bald  wurden  alle  politischen  Parteien  verboten.
Entsetzt erkannten die Verfolgten, dass der Staat das Verbrechen schtzte:
Verbrecher hatten die Staatsmacht bernommen. Noch gab es  Widerstnde  in
der Maschinerie, aber  die  Gleichschaltung  hatte  begonnen.  Eine  wste
antikommunistische   und   antisemitische   Hasspropaganda   diente    der
Einschchterung   und   Disziplinierung   der    Bevlkerung    wie    der
psychologischen Vorbereitung  weiterer  Massnahmen,  die  den  Terror  zum
Gesetzt  erhoben.  Der  Errichtung  der   Konzentrationslager   fr   alle
politischen Gegner des Regimes folgten 1935 die Nrnberger Rassengesetzte,
die den Rckfall ins Mittelalter konstituierten.
    1938 demonstrierte der neue  Staat  seinen  kriminellen  Charakter  in
aller ffentlichkeit. Der zentral gelenkte Pogrom vom 9. November, der von
der Propaganda als spontane Erhebung der deutschen Bevlkerung hingestellt
wurde, leitete mit Brandstiftung, Mord und Massenverhaftungen eine  zweite
Welle von Gesetzten ein. Man nahm den  deutschen  Juden  auf  juristischem
Wege  die  letzten   Rechte   und   entzog   ihnen   die   wirtschaftliche
Existenzgrundlage, um sie zur Emigration zu zwingen.
    Nach Beginn des zweiten Weltkrieges  wurde  der  bis  dahin  erreichte
Stand der antisemistischen Gesetzgebund  in  vollem  Umfang  auf  die  von
Hitlers Truppen  berfallenen  Lnder  bertragen.  Die  polnischen  Juden
mussten als erste das Zeichnen des  Davidsterns  anlegen.  Sie  wurden  in
bewachten Ghettos gefangengehalten, in denen Hunger und Seuchen  bald  ein
Massensterben auslsten. In den westeuropischen Staaten begngte man sich
vorerst    mit    der    Registrierung    und    der    Einfhrung     der
Kennzeichnungspflicht.
    Mit dem berfall auf die Sowietunion begann die nchste Etappe. An die
Stelle der Umsiedlung trat nun  die  Vernichtung.  In  allen  Drfern  und
Stdten  von  der  Ostsee  bis  zum  Schwarzen  Meer  wurde  die  jdische
Bevlkerung unter dem Vorwand einer  Registrierung  zusammengetrieben  und
bis auf wenige, fr die Truppe unentbahrliche Fachkrfte an Ort und Stelle
erschossen.  Gelegentlich  verwendete  man  auch  Gaswagen,  wie  sie   in
Deutschland bei der Euthanasie-Aktion  eingesetzt  wurden.  Gleichzeitig
suchte man nach wirksameren und weniger aufflligen Ttungsmethoden.
    An mehreren Orten im besetzten Polen, deren Namen heute die ganze Welt
kennt, wurden besondere Anlagen mit Gaskammern und Krematorien  errichtet,
in  dennen  der  Massenmord  industriell  betrieben  werden  konnte.  1942
erreichtete die Verfolgung ihre hchste Stufe: das prinzip der Deportation
und Vernichtung wurde auf  alle  von  Hitlerdeutschland  besetzten  Lnder
angewandt. In Polen wurde ein Ghetto nach  dem  anderen  mit  barbarischer
Brutalitt gerumt und die gesamte Bevlkerung -  Mnner,  Frauen,  Kinder
und Greise - in Gterzgen zur Hinrichtung gefahren.
    In Westeuropa wiederholte sich dieselbe Tragdie, berall  begann  nun
die grosse Menschenjagd. Wer nicht freiwillig zum  Sammelplatz  ging,  den
holte die Polizei. Aus allen Himmelsrichtungen des Kontinents rollten  die
Transporte in die Todeslager.
    In Auschwitz-Birkenau entstand die  zentrale  Vernichtungsanlage,  die
schliesslich  eine  Tageskapazitt  von  9000  vergasten  und  verbrannten
Menschen  erreichte.   Gleichzeitig   befand   sich   hier   das   grsste
Konzentrationslager,  in  dem   hunderttausende   von   Deportierten   als
Sklavenarbeiter fr die deutsche Grossindustrie gehalten wurden,  bis  man
auch sie als arbeitsunfhig vergaste oder verbrannte.
    Die deutschen Juden hatten den lngsten Leidensweg  und  gingen  durch
alle  seine  Stationen.  Sie  starben  in  den  Ghettos   von   Lodz   und
Theresienstadt, in den Erschiessungsgruben von Riga und Minsk oder in  den
Gaskammenr von Auschwitz  und  Treblinka.  Nach  achtjhrigem  Pariadasein
brachten sie nur noch wenig Widerstandskraft  auf,  als  die  Abtransporte
nach  dem  Osten  begannen.  Von  der  deutschen  Bevlkerung  wurden  die
Deportationen  -  wie  alle  anderen   Verbrecher   der   Nazis   -   fast
widerspruchslos hingenommen. Whrend es in den europischen Nachbarlndern
selbst unter deutscher Besatzung zahlreiche Akte  des  Protestes  und  der
Solidaritt gab, blieben in Deutschland die Kirchen stumm und Versuche von
Widerstand und Hilfe fr die Verfolgten die Ausnahme.
    berall in Europa wurde ein stiller, zher Kampf um falsche Psse,  um
Waffen und um Obdach fr die Untergetauchten  gefrt.  Aber  das  strkste
Beispiel mutiger Auflehnung  gab  die  polnische  Judenheit.  Es  war  das
Warschauer Ghetto, das 1943 zur letzten Schlacht antrat fr das Recht  des
Menschen, wie ein Mensch zu sterben. Die Flamme des Aufstandes  griff  auf
andere Ghettos und Todeslager ber  und  wirkte  bis  in  die  Reihen  der
westeuropischen Rsistance als Signal und Ermutigung.
    Nach dem Beginn der sowjetischen Gegenoffensive begannen  die  Mrder,
die  Vernichtungslager  einzuebnen.  Sie   liessen   auch   die   riesigen
Massengrber ffnen und die Leichen  verbrennen,  um  keine  Spuren  ihrer
Verbrecher  zu  hinterlassen.  Gleichzeitig  wurden  die  Vergasungen   in
Auschwitz   noch   ununtergebrochen   fortgesetzt,    nur    vorbergehend
eingeschrnkt durch die Bedrfnisse  der  Kriegswirtschaft,  die  mit  der
Zielsetzung des Rassenwahns in Widerspruch  geriet.  1944,  zur  Zeit  der
alliierten Invasion, erfuhr der  Massenmord  mit  der  Deportierung  einer
halben Million ungarischer Juden seinen grausigen Hhepunkt. Ein  Wettlauf
mit der Zeit begann.
    Gegen Kriegsende  wurden  die  Insassen  der  Konzentrationslager  auf
Gewaltmrschen ins Innere Deutschlands  getrieben.  Tausende  fanden  nich
wenige Tage vor der Befreiung den Tod. Kein Hftling sollte in  die  Hnde
der Sieger fallen. Man frchtete lebende Zeugen.
    Ein Jude, der im  besetzten  Europa  berleben  wollte,  musste  nicht
einem, er musste hundert Toden entkommen. In jeder Stadt, in jeder Strasse
lauerten auf ihn die Menschenfnger. Ihr Netz war eng  und  undurchlssig,
und wer ihnen einmal entkam, war noch nicht gerettet.
    Einige von Zeugen konnten  noch  rechtzeitig  auf  legalem  Wege  ihre
Heimat  verlassen.  Die  meisten  hatten  einen  gefhrlicheren  Weg.  Sie
entkamen  den  Razzien,  flohen  aus  den  Ghettos  und  brachen  aus  den
Deportationszgen aus. Sie lebten im Versteck oder mit falschen  Papieren,
schlugen sich in neutrale Lnder durch oder gingen in die  Wlder  zu  den
Partisanen.  Das  Lager  haben  nur  die  wenigen  berlebt,  die  bessere
Lebensbedingungen hatten, weil sie als rzte oder Brokrfte fr  die  SS-
Verwaltung  arbeiteten,  oder  jene,  die  erst  im   letzten   Kriegsjahr
eingeliefert wurden und noch besonders widerstandsfhig waren.  Jeder  von
ihnen htte eine Odyssee zu berichten.

    Die Jahre vergehen, die Spuren von Blut und Asche sind verblasst. ber
der gemarterten Erde Polens und der ehemaligen Sowjetunion, auch  auf  dem
Boden der frheren Vernichtungslager und Erschiessungsgruben,  wchst  ein
Gras, und mit ihm wchst die Gefahr des Vergessens.
    III. Polen unterm Hakenkreuz.

    Heute, mein Fhrer, steht das Volk einiger denn je um  sie  geschart.
Was Sie von diesem Volk fordern werdern, es wird freudig alles in  blindem
Vertrauen geben. Es wird in blindem Vertrauen dem Fhrer folgen.  Wie  ein
sthlerner Block im glhenden Feuer gewaltiger Ereignisse  ist  heute  die
Einheit Deutschlands.
    Das Volk geht dorthin und wird  dorthin  marschieren,  wohin  Sie  die
Richtung geben. Sei es zum erwnschten  Frieden,  sei  es  aber  auch  zum
entschlossensten Widerstand.
    Niemals aber haben wir, das deutsche Volk, freudiger  und  berzeugter
und entschlossener den Willen bekundet: Fhrer befiehl, wir folgen.

                                                             Hermann Gring.

    Die Judenverfolgung in Polen beschrnken sich natrlich nicht mit  dem
Zeitabschnitt von 1941 bis 1942. Sie haben eine lange Vorgeschichte.
    Historisch gesehen, die Beziehungen zwischen  Bevlkerung  Polens  und
Deutschlands  waren  immer  gespannt.  Davon  zeugen   zahlreiche   lokale
Konflikte, die spter in die Kriege bergangen. Territoriale Ansprche von
beiden Seiten verschrften die Situationen an der Grenze.
    Deutschland hat whrend des zweiten Weltkrieges alle Bilanzen gezogen.
Die ersten Schsse knallten nmlich auf dem Gelnde von Polen. Dieses Land
wurde  zum  ersten  Objekt  der  deutschen  Aggression.  Die  Truppen  der
deutschen Soldaten marschierten am 1. September 1939 ein im  Einklang  mit
Panzer- und Flugzeugemotorengebrll. Polen gab blitzschnell den Widerstand
auf. Es fiel unter die Stiefel von Siegern.
    Hitlerkameraden konnten sich aber mit einem  blossen  Untergang  von
Polen  nicht  befriedigen.  Das  Land  verwandelte  sich  zu   einem   der
schlimmsten Polygonen, wo die Rassenpolitik durchgemacht wurde.
    Es lohnt sich nicht, die ganze brokratische  Begrndung  (eine  Menge
von Unterlagen) anzufhren, um  das,  auf  welche  Weise  das  System  der
Judenverfolgung aufgebaut wurde, zu zeigen. Es wird eine kurze  Verordnung
von 14. November 1939 reichen:

    Erhebliche durch die Juden  verursachte  Missstnde  im  ffentlichen
Leben  des  Verwaltungsbereichs  des   Regierungsprsidenten   zu   Kalish
veranlassen mich, fr den Verwaltungsbereich des Regierungsprsidenten  zu
Kalish folgendes zu bestimmen:

                                      1

    Als besonderes Kennzeichen tragen Juden ohne Rcksicht auf  Alter  und
Geschlecht am rechten Oberarm unmittelbar unter der Achselhle eine 10  cm
breite Armbinde in judengelber Farbe.

                                      2

    Juden drfen im Verwaltungsbereich des Regierungsprsidenten zu Kalish
in der Zeit von 17 - 8 Uhr ihre Wohnung  ohne  meine  besondere  Genehmung
nicht verlassen.

                                      3

    Zuwiderhandlungen gegen diese Verordnung werden mit dem Tode bestraft.
Bei Vorliegen mildender Umstnde kann  auf  Geldstrafe  in  unbeschrnkter
Hhe oder  Gefngnis,  allein  oder  in  Verbindung  miteinander,  erkannt
werden.

                                      4

    Diese Verordnung tritt bis auf die Bestimmung in  1  sofort  von  18.
November 1939 ab in Kraft.

Lodz, den 14. November 1939.

                                           Der Regierungsprsident zu Kalish
                                                                   belhr.

    Hinter den ganz  offiziell  und  absolut  neutral  klingenden  Wrtern
versteckt  sich  der  Begriff  Ghetto.  Eine  von  Hflingen  Mary  Berg
beschreibt in irhen Tagebchern, die sie spter (Zwei Jahre im Warschauer
Ghetto) genannt und verffentlicht hat, ihr Leben darin. Jede  Seite  ist
ein kompromissloses Zeugnis und eine offene Beschuldigung:

    15. November 1940.
    Heute wurde das judische Ghetto offiziell  eingerichtet.  Es  ist  den
Juden verboten,  sich  ausserhalb  seiner  Grenzen  zu  bewegen,  die  von
bestimmten Strassen gebildet werden. Es  herrscht  grosse  Aufregung.  Die
menschen eilen nervs in den Strassen hin  und  her  und  geben  flsternd
Gerchte weiter, eines phantastischer als das andere.
    Die Arbeit an den Mauern, die fast drei Meter hoch werden sollen,  hat
schon begonnen. Von Nazi-Soldaten bewacht, schichten jdische Mauer Ziegel
auf Ziegel. Wenn einer nicht schnell  genug  arbeitet,  wird  er  von  den
Aufsehern geschlagen. ich muss an unsere Sklaverei in gypten denken,  wie
sie in der Bibel beschrieben ist. Aber wo  ist  der  Moses,  der  uns  aus
dieser neuen Knechtschaft fhren wird?
    Am Ende der Strassen, die noch nicht vllig fr den  Verkehr  gesperrt
sind, stehen deutsche Wachen. Deutsche und Polen  drfen  das  abgesperrte
Viertel betreten, aber keine Pakete bei  sich  tragen.  Das  Gespenst  des
Hungertodes steht uns allen vor Augen.

    Die  Nazisverbrecher  usserten   eine   feine   Erfindlichkeit   beim
Einrichten des Ghettos. Als htten sie vorausgesehen, dass  sie  fr  ihre
Taten Verantwortung tragen werden (nicht  die  propagierte,  sondern  ganz
reale), machten sie alles so, dass es die Mglichkeit gab, sich  in  einem
Gerichtsprozess zu verteidigen. Ein jeder Nazi, sogar derjenige,  der  ein
unmittelbarer  Vollzieher  der  Rassentheorie,  konnte   die   Beschuldung
ablehnen. Er hatte immer das  Argument,  er  habe  Folge  dem  Befehl  des
Obergestellten geleistet, wenn das aber nicht funktionierte, er hatte noch
eine Chance,  und  zwar:  er  selbst  habe  niemanden  totgeschlagen  oder
geschossen. Die Juden starben selber. Er weiss nicht,  woran  das  gelegen
habe - vielleicht am Hunger oder an der Klte. Diese Erscheinung  befanden
sich aber ausserhalb seiner Befugnisse.
    Inzwischen funktionierte  der  Mechanismus  des  Massenmordes  weiter.
Klte, Hunger, Blokade und  Beschrnkung  der  Bewegungen  arbeiteten  mit
Nazis Hand in Hand zusammen:

    4. Januar 1941.
    Das Ghetto liegt im tiefen Schnee. Es ist schrecklich kalt, und  keine
Wohnung ist geheizt. Wo ich auch hingehe, finde ich die Menschen in Decken
gehllt oder  unter  Federbetten  zusammengekauert,  soweit  diese  warmen
Sachen nicht schon von  den  Deutschen  fr  ihre  Soldaten  beschlagnahmt
worden sind. Die bittere Klte macht die  deutschen  Posten,  die  an  den
Ghettotoren Wache stehen, noch grausamer als sonst.  Wenn  sie  durch  den
tiefen Schnee auf und ab stapfen, schiessen sie von Zeit zu Zeit. Nur  so,
um sich aufzuwrmen. Viele Passanten werden ihre Opfer. Andere Wachen, die
sich whrend ihres dienstes langweilen, organisieren sich  eine  besondere
unterhaltung. Sie wlen sich zum Beispiel ein  Opfer  unter  den  zufllig
Vorbergehenden und befehlen ihm sich mit dem Gesicht  in  den  Schnee  zu
werfen. Wenn er einen Barr trgt, reissen sie ihn aus, bis der Schnee sich
vom Blut rot frbt. Falls so ein Nazi schlechter Laune ist, kann auch  der
judische Polizist, der mit ihm Wache steht, das Opfer sein.
    Gestern beobachtete ich, wie ein  deutscher  Gendarm  einen  judischen
Polizisten auf der Chlodna-Strasse, in der nhe des Durchgangs vom grossen
zum kleinen Ghetto, exertieren lies. Der  junge  Mann  war  zum  Schluss
vllig auser Atem, aber der nazi zwang ihn weiter auf und nieder,  bis  er
in einer Blutlache zusammenbrach. Jemand rief nach einen Krankenwagen, und
der judische Polizist wurde auf eine Bahre gelegt und mit einem  Handwagen
fortgebracht. Im ganzen Ghetto gibt es  nur  drei  Krankenwagen,  deswegen
werden meistens Handwagen benutzt....

    Um sich zu  versichern,  dass  getroffene  Massnahmen  effektiv  sind,
beschrnkten  Nazisverbrecher  die  Lieferungen  von  Lebensmitteln   nach
Ghetto.

    28. Februar 1941.
    Die Brotknappheit wird immer  schlimmer.  Auf  die  Lebensmittelkarten
gibt es sehr wenig, und auf dem Schwarzen  Markt  kostet  ein  Pfund  Brot
jetzt zehn Zloty. Das  Brot  ist  schwarz  und  schmekt  nach  Sgespnen.
Weisses Brot kostet sogar 15 bis 17 Zloty. Auf der arischen  Seite  sind
die Preise viel niedriger.

    Und gleichzeitig wurde Ghetto mit neuen Opfern, die  aus  Fluchtlingen
bestanden, immer mehr  bepackt.  Es  herrschte  totale  Antisanitrie.  Im
Winter 1941 zugefrorene Abwsserrren wurden nie renoviert. Der Mangel  an
Arzneien fhrte zur Gefahr der Cholera-Epidemie.
    Das war aber nicht der  Schluss,  der  den  Becher  des  Unglcks  zum
berlaufen bringen knnte. Der Mensch  kann  viel  erdulden,  wenn  er  in
psychologischer Ruhe ist. Das verstanden  die  Nazi  und  als  das  letzte
Mittel wurde von ihnen Desinformation erschpferischen Charakters in  Gang
gesetzt:

    17. April 1942.
    Das ganze Ghetto war heute in Panikstimmung.  Die  Leute  verschlossen
eilig  ihre  Lden.  Es  lief  ein  Gercht  um,   dass   ein   besonderes
Vernichtungskommando, das schon den Pogrom  in  Lublin  verbt  hat,  in
Warschau angekommen sei, um auch hier ein Massaker zu organisieren.

    Wir haben die Zeilen nur von einem Menschen angefrt.
    Also nur von einem Opfer.
    Insgesamt betrug die Zahl von Opfern  4800000  Menschen,  unter  denen
1600000 ums Leben gekommen sind.
    IV. Exekutionen im Osten.

    Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit  auch  ein  ganz  schweres
Kapitel erwhnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen  sein,
und trotzdem werden wir in der ffentlichkeit nie darber reden...
    Ich meine jetzt die Judenevakuierung,  die  Ausrottung  des  jdischen
Volkes. Es gehrt zu den Dingen, die man leicht ausspricht.- Das jdische
Volk wird ausgerottet, sagt ein jeder Parteigenosse, ganz klar, steht in
unserem Program, Ausschaltung der Juden, Ausrottung,  machen  wir...  Von
allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat  es  durchgestanden.
Von euch werden die meisten  wissen,  was  es  heisst,  wenn  100  Leichen
beisammenliegen,  wenn  50  daliegen  oder  wenn   1000   daliegen.   Dies
durchgestanden zu haben und dabei - abgesehen von  Ausnahmen  menschlicher
Schwchen - anstndig geblieben zu sein, das hat uns  hart  gemacht.  Dies
ist ein niemals geschriebenes  und  niemals  zu  schreibendes  Ruhmesblatt
unserer Geschichte.

                                          Heinrich Himmler in einer Rede vor
                                     SS-Fhrern in Posen am 4. Oktober 1943.

    Exekutionen im Osten hatten ein vielfaltigen Charakter.
    Dass  Hitler  in  seinem  Programm   die   Absichten   usserte,   die
Untermenschen zu vernichten, zu denen ausser Juden auch  Slaven  gehrten,
ist weltbekannt.
    Die  Handlungen  von  Nazis  verbreiteten  sich  auf  Russen,   Polen,
Ukrainern,  Tschechen  und  Slovaken.  Bis  jetzt  sind  die  Stellen  der
Massenmorde nicht zu vergessen.
    Ein besonderer Punkt ist der Krieg mit Partisanen. Dass  die  Menschen
auf dem besetzten Gelnde Widerstand leisten, war ausserhalb des deutschen
Verstndnisses. Darber hinaus wurden die Menschen, die an  der  Teilnahme
an der Partisanenbewegung verdchtigt gewesen waren, sehr hart  behandelt.
Zahlreiche  Foltern,  mittellterische  Erfindlichkeit   beim   Umbringen,
Verfolgerungen  der  Verwandten  bleiben  bis  jetzt  im  Gedchtnis   der
ffentlichkeit.
    Natrlich wurden Juden von Nazis nicht ausser Acht gelassen.

    Aus dem Tagebuch des SS-Hauptscharfhrers Felix Landau.

    11.07.1941. Um 11 Uhr  Abends  kamen  wir  zurck  zur  Dienststelle.
Hochbetrieb. Unten im Keller, den ich  noch  vormittags  ausgerumt  habe,
stehen  fnfzig  Hftlinge,  darunter  

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© il.lusion,2007.
  
  
 
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